Ein Ausrufezeichen gegen alle Formen von Opportunismus und Schleimerei

 „Wer sich auf ihn einlässt, kann nicht mehr zurück. Seine Gefahr besteht in seiner Unbestechlichkeit und Unerbittlichkeit, wenn es um die Wahrheit und die Stimme des Gewissens geht. Das aufrechte Stehen vor dem Schafott ist ein Ausrufezeichen gegen alle Formen von Opportunismus und Schleimerei“, sagt Regionaldekan Martin Emge aus Forchheim im Erzbistum Bamberg, als ich ihn nach Franz Reinisch frage, „Man kommt nicht mehr von ihm los. Erste bewusste Erfahrungen mit Pater Franz Reinisch reichen in die 80er Jahre zurück. Damals hatte ich in der Schönstatt-Jugendarbeit erstmals von ihm gehört. In meinen Jugenderinnerungen hatte dieser Mann einiges an sich, was mich als Jugendlichen sofort angesprochen hat: sein ausgeprägter Freiheitsgeist, seine menschlichen Leidenschaften und seine jugendlichen Streiche, seine Radikalität und letzten Konsequenzen, wenn es um die innere Stimme des Gewissens ging.“

Tausende von jungen Männern (und auch Frauen) in Lateinamerika schmettern sein Lied mit Begeisterung: „Apostel lass mich werden, als Ritter stehen da, und sterbend will ich lächeln: O liebe MTA!“ Vielleicht wollen sie nicht alle sterbend lächeln, die sein Lied singen, aber etwas von diesem vertrauensvollen Radikalismus eines Franz Reinisch ist in ihren Stimmen und in ihren Herzen, wenn sie mit seinen Worten ihre Liebe zu Maria und zu Schönstatt hinaussingen in unsere Zeit.  Am 9. August 42, 12 Tage vor seinem Tod, verfasst Franz Reinisch dieses Lied in seiner Gefängniszelle im Zuchthaus von Brandenburg-Görden; es ist sein „Heimkehr-Lied“.  Er weiß, dass er für seine Überzeugung sterben wird. Sagen wir es klar: hingerichtet werden wird von denen, die mit allem umgehen können außer mit Freien und Aufrechten. Den Schrifttext von Mariä Himmelfahrt (Offb 12) und ein kleines Gebetsbild der Dreimal Wunderbaren Mutter vor Augen schreibt er auf Schmierpapier ein Loblied auf seine himmlische Königin. In drei Strophen besingt er die Gottesmutter als das große Zeichen am Himmel. Kurz vor seinem Tod betet er zu ihr seine persönliche Version der bekannten „Kleinen Weihe“:

„O meine Gebieterin, o meine Mutter und Königin des Herzens, dir bringe ich mich ganz dar, meine Augen, Ohren, Mund, Hände und Füße, meinen Verstand und meinen Willen, meine Freiheit und Ehre, ja mein ganzes Herz und mein Leben. Alles ist dein.“

Ein Musical über einen Aufrechten

Die erste Aufführung wird in Bad Kissingen sein, dem Ort seiner Verweigerung des Fahneneides auf Adolf Hitler. Pfarrer Armin Haas aus dem Schönstatt-Priesterbund hat einen ganzen Stapel von Einladungen nach Schönstatt mitgebracht für das “Musical über einen Aufrechten“ von Wilfried Röhrig, das am Samstag, 14. April 2018, im Kurtheater Bad Kissingen uraufgeführt wird. Das Musical erzählt eine Geschichte, die Ostern 1946, dem ersten Nachkriegsostern, handelt:

Ein Pallottinerpater ist in besonderer Mission unterwegs. In seiner Aktentasche will er die Asche eines Mitbruders, verborgen in einer Urne, von Berlin über die Interzonengrenze in den Westen bringen. Bei seiner Reise trifft er in Magdeburg ein junges Paar. Dieses will sich nach Hamburg durchschlagen. Die Drei kommen auch auf die „gefährliche Fracht“ des Paters zu sprechen: Franz Reinisch war am 21. August 1942 in Brandenburg wegen Wehrkraftzersetzung hingerichtet worden. Er hatte den Fahneneid auf Hitler verweigert.

Während der abenteuerlichen Reise im Zug und auf nächtlicher Straße enthüllt sich Stück für Stück die spannende Lebensgeschichte Franz Reinischs: Seine turbulente Jugendzeit, die Suche nach seiner Berufung, sein Protest gegen die Naziherrschaft und das Mitläufertum, der sich zuspitzende Konflikt mit der Obrigkeit bis zu seiner Lebenshingabe – ein moderner, authentischer, unbequemer Prophet, Gott und seinem Gewissen verpflichtet.

Das Musical ist nicht nur ein frommes Bühnenwerk, unterhaltsam, anspruchsvoll und bis in die Tiefen durchdacht, sondern zugleich eine „gefährliche Erinnerung“, ein Appell an Aufrichtigkeit und „aufrechten Gang“, für eine Welt mit Lebensrecht für alle.

Als Christen im Alltag Farbe bekennen

„Es ist nicht ungefährlich, sich auf die Lebenswege von P. Reinisch zu begeben. Was im neuen Reinisch-Musical von Wilfried Röhrig in packender Weise zum Ausdruck kommt, soll zur Zivilcourage motivieren, als Christen im Alltag Farbe zu bekennen“, so Dekan Martin Emge zu diesem Musical.

Man braucht gar nicht lange nachzufragen, um klar zu bekommen – es geht hier nicht um Geschichte, es geht hier nicht einmal zuerst um die Biographie eines Menschen, der sich seinem Gewissen und seiner Lebensmission so sehr verpflichtet wusste, dass er dafür in den Tod ging.

Es geht in allererster Linie um uns, um uns heute, die wir in Meinungsfreiheit leben. Uns wird keiner hinrichten oder auch nur körperlich bedrohen, wenn wir diese oder jene Partei, diese oder jene Meinung, diese oder jene Idee ablehnen oder unterstützen.

„Wie frei sind wir wirklich in unserer Meinungsbildung, wenn unsere Informationen durch Fernseh- und Presseagenturen gefiltert oder gar gezielt „gefakt“ werden?“, fragt Martin Emge. „Wie frei bin ich persönlich innerhalb einer Gesellschaft, die mir durch Milieu- und Sachzwänge, durch Modetrends und Mainstreams, durch Bewertungen von Religion und Moral diktieren will, wie ich zu leben habe, um dazu zu gehören?

Obwohl ich in einem Land mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung leben darf, bleibt die Freiheit meiner autonomen Lebensgestaltung eine tägliche Herausforderung.“

Diese Liebe zur Freiheit hat er von Kentenich

In einem Vortrag in Wilten macht Martin Emge den Zusammenhang mit jenem anderen großen Freiheitsfanatiker deutlich, Josef Kentenich.

„Auf seinem Weg als Pallottiner lernte der neu ernannte Jugendseelsorger 1933 über eine Priesterzeitschrift Schönstatt kennen. Die hier dargestellte Spiritualität macht ihn neugierig. 1934 hat er erstmals die Gelegenheit, Schönstatt zu besuchen. Am 21.8.1934 wurde er Zeuge, wie hinter der Gnadenkapelle die Gebeine der Pallottinerschüler und Heldensodalen des ersten Weltkrieges, Hans Wormer und Max Brunner, beigesetzt worden sind. Der 21.8. sollte 8 Jahre später sein eigener Todestag werden und die Urne seiner eigenen sterblichen Überreste sollte einen Platz neben diesen Helden finden. In Schönstatt lernt er Pater Josef Kentenich kennen, der für ihn als geistlicher Mentor und Begleiter in besonders prägender Weise zum Lehrer der inneren Freiheit geworden ist. Von ihm stammen folgende Worte: „Wir müssen freie Charaktere sein. Gott will keine Galeerensklaven, er will freie Ruderer. (…) Wir sind uns unserer Würde und unserer Rechte wohl bewusst.“ Deshalb gilt: „Wir wollen uns unter dem Schutze Mariens selbst erziehen zu festen, freien, priesterlichen Charakteren.“ Solche Worte elektrisierten Franz Reinisch. Hier in Schönstatt hörte er zum ersten Mal davon, dass es ein „Persönliches Ideal“ gibt, das Gott in jeden Menschen als ganz persönliche Berufung hineingelegt hat. Gott stellt dem Menschen Charismen und Fähigkeiten zur Verfügung, mit denen er den Lieblingsgedanken Gottes realisieren kann, den Gott bei der Erschaffung jedem Menschen ins Herz gelegt hat. Sobald der Mensch in seiner Seele diese Berufung entdeckt, kann dies ein Leben völlig verändern. Die freie, innen geleitete Persönlichkeit ist unabhängig von der Meinung anderer. Sie bezieht ihren Selbstwert aus ihrer Gotteskindschaft und Berufung und nicht aus Leistung und Anerkennung. Primäres Ziel ist es, den Willen Gottes zu entdecken und zu erfüllen. Das allein zählt. Dieses Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl entfaltet eine ungeahnte und befreiende Kraft.“

Gut, dass es bald das Buch „Lebenswege“, eine Art „Reinisch-Reiseführer“ gibt, verfasst von Martin Emge.

Gut, dass es dieses Reinisch-Musical gibt, nicht zufällig im Kentenich-Jahr.

Schönstatt braucht diesen Geist des Aufrechten, diesen Geist des freien Menschen. Dafür ist ein Franz Reinisch hingerichtet worden und ein Josef Kentenich für 14 Jahre ins Exil gegangen.

Bleib in der Masse,

bleib in der Klasse,

mach mit und lauf!

Dreh keine Dinger,

heb nicht den Finger,

fall bloß nicht auf!

 

 

Halt deine Klappe,

mach auf Attrappe,

und halt dich raus!

Bleib einfach heiter,

denke nicht weiter

und schalt dich aus!

So heißt es im Musical. Wo immer sich etwas davon findet, egal wo, dürfen wir Franz Reinisch um seine Fürsprache anrufen. Auch wenn es gefährlich werden kann.

Nach der Jubiläumsaudienz der Internationalen Schönstatt-Bewegung am 25. Oktober 2014 hat Papst Franziskus persönlich ein Reinisch-Portrait gesegnet, das inzwischen im Reinisch-Zimmer im Schönstattzentrum Belmonte in Rom seinen Platz gefunden hat.

Foto: Fotografi a Felici, Roma

Maria Fischer/ www.schoenstatt.org, 11.01.2018